Olympia – dabei sein wäre alles

Süwag-Projektingenieur Holger Beuttenmüller möchte mit Ultimate Frisbee einmal an Olympischen Spielen teilnehmen

Holger Beuttenmüller spielt Ultimate Frisbee – und geht damit einer Leidenschaft nach, die ihn schon zu einigen internationalen Turnieren und Meistertiteln in Deutschland geführt hat.

 

Eigentlich würde sich Holger Beuttenmüller jetzt auf die WM vorbereiten. Eigentlich würde er, der Kapitän, seine Nationalmannschaftskollegen am 11. Juli in den Niederlanden treffen und um den internationalen Meistertitel kämpfen. Eigentlich.

In diesem Jahr ist aber auch Ultimate Frisbee – der Sport, dem der 30-Jährige nachgeht – von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen, sodass auch das Turnier seit einigen Wochen abgesagt ist. „Natürlich ist das schade, zumal die WM nur alle vier Jahre stattfindet“, sagt Beuttenmüller, der 2019 mit seinem Team Vize-Europameister wurde. „Diesen Sommer spiele ich zum ersten Mal seit fast zehn Jahren kein großes Ultimate-Turnier.“

Die Kombination aus Athletik, Technik und Taktik fasziniert mich.
Holger Beuttenmüller über Ultimate Frisbee

Wenn Beuttenmüller nicht gerade Frisbeescheiben hinterherjagt, arbeitet er am Süwag-Standort in Ilsfeld als Projektingenieur. Seit April 2017 plant und betreut er von dort aus landesweite Wärme- und Stromprojekte, etwa QuartierKraftwerke, Nahwärmenetze und bisweilen auch kommunale Wärmeversorgungsprojekte. „Der Job ist so spannend, weil unsere innovativen Versorgungskonzepte die Energie vor Ort erzeugen und wir so an der Energiewende mitarbeiten“, erklärt der Ingenieur, der aktuell unter anderem den Bau eines QuartierKraftwerks im Veile Areal in Brackenheim betreut.

Für 96 Wohneinheiten entsteht dort unter anderem eine neue Ladeinfrastruktur, ein Blockheizkraftwerk sowie Photovoltaik- und Heizungsanlagen. Beuttenmüller kümmert sich bei solchen Projekten um die Ausschreibungen und dient dann den beauftragten Unternehmen als Ansprechpartner. „Die Aufgaben sind sehr abwechslungsreich, weil ich mit verschiedenen Projekten und Menschen zu tun habe und viel an der frischen Luft unterwegs bin.“

Das Spielfeld

64 Meter lang und 37 Meter breit ist das Spielfeld, in dem sich die Teams die Ultimate Frisbee zuwerfen. Die Endzonen, in denen die Spieler versuchen, den Pass eines Mitspielers zu fangen, sind jeweils 18 Meter lang. Somit misst das gesamte Feld exakt 100 Meter.

Mehrere Trainingseinheiten pro Woche

An der frischen Luft ist Beuttenmüller auch mindestens drei- bis viermal pro Woche beim Kraft- oder Ausdauertraining. Kurz vor Turnieren oder Spielwochenenden – die Partien der Deutschen Meisterschaften finden normalerweise an zwei Wochenenden pro Jahr statt – können es auch mal sechs Einheiten in der Woche werden. „Ich sehe Ultimate als Leistungssport. Der ist zwar nicht mit den großen Sportarten vergleichbar, setzt aber viel Training voraus“, sagt Beuttenmüller. „Die Kombination aus Athletik, Technik und Taktik fasziniert mich – und die Tatsache, dass man den Sport auch auf höchstem Niveau ohne Schiedsrichter spielt.“

Beim Ultimate Frisbee kämpfen zwei siebenköpfige Teams um eine 175 Gramm schwere Kunststoffwurfscheibe. Ziel ist es, sie in der gegnerischen Endzone des Spielfelds zu fangen und so Punkte zu sammeln. Während die angreifende Mannschaft versucht, sich Freiräume erlaufen, sind die Verteidiger darauf aus, ihnen die Scheibe durch Decken und Blocken abzujagen. Dabei ist jeglicher Körperkontakt genauso verboten wie das Weiterlaufen mit der Scheibe. Wer sie in der Hand hält, darf nur noch einen sogenannten Sternschritt machen – ein Fuß muss stets den Boden berühren.

Auf dem Platz übernimmt der 1,89 Meter große Beuttenmüller bei Angriff am liebsten die Rolle des Receivers. „Auf dieser Position kann ich meine Schnelligkeit, Athletik und Körpergröße am besten einbringen, weil ich mich permanent freilaufen und die Pässe meiner Mitspieler fangen muss – idealerweise in der Endzone.“ Aufbauspieler fungieren als Passverteiler und treiben das Spiel voran, sogenannte Marker versuchen die Zuspiele des Werfers zu blocken.

Der Vorhandwurf

Der Rückhandwurf

Der Upside-Down (Überkopfwurf)

Neun Meistertitel in Serie

Holger Beuttenmüller spielt seit 16 Jahren Ultimate Frisbee – erst in einer Jugendgruppe, dann beim TSV Massenbach. 2007 gründete er mit anderen Junioren aus der Region ein neues Team: Bad Skid. 2009 stiegen sie in die erste Liga auf, zwei Jahre später errangen sie zum ersten Mal den Deutschen Meistertitel. Den hat Bad Skid seither jedes Jahr eingefahren, neun Titel in Serie sind es jetzt. „Da gehörte natürlich auch Glück dazu“, sagt Beuttenmüller, der es mit seinem Team bei der Klub-WM 2018 zudem unter die besten acht Mannschaften schaffte und 2019 im Nationaldress Vize-Europameister wurde. „Das große Ziel ist aber weiterhin eine internationale Goldmedaille – ganz gleich ob auf Vereins- oder Nationalmannschaftsebene.“

Die Chance dazu bietet sich – normalerweise – jeden Sommer. Die großen Turniere folgen jeweils einem Vierjahresrhythmus. Nach der EM 2019 wäre dieses Jahr die WM am Zug gewesen, 2021 steht die Klub-EM und 2022 die Klub-WM im Kalender.

„Die großen Turniere werden aber meistens von Teams aus den USA dominiert, dort ist der Sport noch immer deutlich populärer als in Europa“, sagt Beuttenmüller. Mannschaften aus dem Mutterland des Ultimate Frisbee – 1968 hatten Studenten einer Universität in New Jersey das Spiel erfunden – gehören für den gebürtigen Schwaben daher stets zum Favoritenkreis.

Kaum Freizeit im Sommer

Neben den individuellen Krafttrainings und Läufen bereitet sich Beuttenmüller mit seinen Teamkollegen über mehrere Wochenenden auf die jeweiligen Spiele vor. „Zwischen April und August habe ich nur wenige freie Wochenenden und im Sommer eben die Turnierwoche. Die Süwag bietet mir aber zum Glück viele Freiräume, um Ultimate auf diesem Niveau zu spielen“, sagt der Familienvater, der bisweilen auch im Urlaub eine Frisbee dabei hat. „Wir verreisen eigentlich immer nach der Saison, sodass ich dann normalerweise auch komplett abschalte. Aber wenn wir mit meinem Bruder wegfahren, werfen wir schon mal eine Scheibe. Und meine Frau kann sie mittlerweile auch zurückwerfen.“

Was ist Ultimate Frisbee?

Der Traum von Olympia lebt

Grundsätzlich sieht Beuttenmüller ein steigendes Interesse an seiner Sportart. „Es gibt in Deutschland schon seit Jahren immer mehr Vereine und Spieler. Ultimate ist auch auf dem Weg zu einer offiziellen Sportart. Dazu muss der Verband aber mindestens fünf Landesverbände stellen und 10.000 Mitglieder zählen.“ Sofern diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann der Deutsche Frisbeesport-Verband einen Förderantrag beim Deutschen Sportbund stellen und finanzielle Mittel erhalten. „Mit seinem Fairplay-Gedanken, der dem olympischen Gedanken sehr nahekommt, könnte Ultimate auch olympisch werden, vielleicht schon ab 2028.“ Ob Beuttenmüller dann noch selbst der Scheibe hinterherjagt, lässt er noch offen. „Schwer zu sagen, ob ich mit 38 noch fit genug bin. Aber dabei sein wäre ja schon alles.“


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