Bioplastik: Eine Revolution in der Kunststofftechnik

Nachwachsender Rohstoff: Die Tecnaro GmbH bietet eine ökologische Alternative zu Plastik an

Plastik ist ein weltweites Problem. Es dauert 500 Jahre, bis es verrottet. Deshalb haben zwei Forscher auf nachwachsende Rohstoffe gesetzt und eine Alternative aus flüssigem Holz entwickelt. Sie ist biologisch abbaubar und in der Industrie immer gefragter. Kann ökologisch auch wirtschaftlich sein? Ein Besuch bei der Tecnaro GmbH.

 

Es ist laut in der Werkhalle der Tecnaro GmbH, die Luft ist staubig und riecht nach Holz. Gabelstapler, Spritzguss- und Sauganlagen sind in Aktion. An einer großen Maschine regnet es Granulat, teils sandfarbene, teils cremeweiße Körner – abgefüllt in Säcken, bereit zum Abtransport. Flüssigholz heißt der hier hergestellte Biokunststoff, im Fachjargon Arboform genannt. Prüfend lassen die zwei Geschäftsführer das Produkt durch die Hände rieseln. 

Nachhaltiger Ansatz im Firmennamen verankert

Helmut Nägele nickt zufrieden, Jürgen Pfitzer lächelt. Der Name ihres 1998 gegründeten Unternehmens steht für Technologie nachwachsender Rohstoffe – und beschreibt zugleich ihre Mission. Zu welchen Resultaten sie führen kann, zeigt Pfitzer nebenan im Konferenzraum. „Die Abnehmer unseres Granulats“, sagt er und präsentiert jeweils Einzelstücke, „stellen Handygehäuse her, Musikinstrumente wie Blockflöten, Möbel, aber auch Audiozubehör und Spielzeug.“ Der neueste Coup sind aromadichte und kompostierbare Kaffeekapseln – all diese Waren verzichten auf die in der Industrie zumeist eingesetzte Basiszutat von Plastik: Erdöl.

Die beiden Firmenlenker sind von Hause aus Wissenschaftler. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt Mitte der 90er-Jahre. Chemieingenieur Nägele und Fertigungstechniker Pfitzer begegnen sich als Kollegen am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT).

Was ihre Haltung prägt, sind die Weltklimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro und das Thema nachhaltiges Wirtschaften. Was sie antreibt, ist die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss im Verhältnis von Mensch und Natur. Pfitzer und Nägele fragen sich: Was könnte unser persönlicher Beitrag sein – zur Einsparung von CO2, aber auch zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den endlichen Ressourcen auf der Erde?

Zu Besuch bei der Tecnaro GmbH

Zu Besuch bei der Tecnaro GmbH

Zu Besuch bei der Tecnaro GmbH

Suche nach einem nachwachsenden Rohstoff

Damals wie heute hat uns die Versorgung der immer schneller wachsenden Weltbevölkerung beschäftigt“, berichtet Pfitzer. „Wir wollen zu denen gehören, die etwas bewegen. Einen Prozess in Gang setzen, der es ermöglicht, dass künftige Generationen nicht schlechter dran sind als wir.“ Erdöl soll nicht Teil dieser Zukunft sein. Dafür beginnen die ICT-Forscher 1996 nach nachwachsenden Rohstoffen zu suchen, um die synthetischen, aus Erdöl produzierten Kunststoffe zu ersetzen.

Fündig werden sie bei einem Abfallprodukt der Papierindustrie: Lignin. Es kommt in jeder hölzernen Pflanze vor und ist neben Zellulose der häufigste organische Stoff der Erde. Damit experimentieren Nägele und Pfitzer, kreieren das flüssige Holz und arbeiten daran, es in der Industrie zu etablieren.

14 Jahre später zeichnet das Europäische Patentamt sie als „Erfinder des Jahres 2010“ aus, eine Art Oscar der Produktentwicklung. Es folgen weitere Preise, etwa die „Dieselmedaille“, der „Green Brand Germany“ und der in Paris verliehene „JEC World Innovationspreis“ für Nachhaltigkeit.

Beliebig formbar, biologisch abbaubar

Heute hat der schwäbische Betrieb, der Süwag-Ökostrom bezieht, 35 Mitarbeiter, 4500 Granulat-Rezepturen und volle Auftragsbücher; die Anfragen kommen aus Deutschland, den USA, aber auch aus Brasilien und Neuseeland. „Doch der Weg vom Erfinder zum Unternehmer“, so Helmut Nägele, der nun im Firmenlabor innehält und langsam durch den Mund einatmet, „war lang und voller Hindernisse.“ Jürgen Pfitzer ergänzt: „Ja, wir haben gewusst, dass die ‚Lignin wird zu Flüssigholz‘-Idee rein wissenschaftlich betrachtet ein Volltreffer ist.“

Der spezielle Faserverbundwerkstoff gilt als beliebig formbar, stoß-, reiß- und hitzefest, zudem ist er vollständig biologisch abbaubar. „Deshalb hatten wir mit unserer Erfindung Großes vor, fingen aber klein an. Ganz klein, muss man sagen.“

Es gibt Musikbands und Start-ups, die in einer Garage entstehen. Bei Tecnaro reicht es 1998 nicht einmal dafür: Alles begann im Keller eines verlassenen Sprengturms. Die Location zur Granulatproduktion vermittelt ihnen die Fraunhofer-Gesellschaft – „es war kalt, es war dunkel, es war dreckig, aber es war ein Anfang“, erinnert sich Nägele. In Pfitzers Wohnzimmer wird verpackt und verwaltet.

Produkte mit Bioplastik der Tecnaro GmbH

Produkte mit Bioplastik der Tecnaro GmbH

Produkte mit Bioplastik der Tecnaro GmbH

Produkte mit Bioplastik der Tecnaro GmbH

Krippenfiguren und Widerstände

Einen Kredit ergattert Pfitzer bei seiner Bank mit viel Mühe und Krippenfiguren, die bis dato einzigen Produktbeispiele. Selbst wohlwollende Beobachter ihres Projekts geben ihnen nicht länger als sechs Monate bis zum bitteren Ende. „Man muss bedenken, dass es noch nicht die Zeit war, in der CO2-Emissionen, Klimawandel und Nachhaltigkeit den öffentlichen Diskurs bestimmten“, erzählt Nägele. „Mit unserem Granulat waren wir die Ökospinner, die damit Geld verdienen wollten, Kröten über die Straße zu tragen.“

Hinzu kommt in den ersten Jahren, dass auch Naturschützer gegen das Lignin-Konzept protestieren. „Ein vorschnelles und falsches Urteil, denn von diesem Stoff wachsen jährlich 20 Milliarden Tonnen nach und die Quellen sind zahlreich und vielfältig, ob Rinde, Getreidestroh oder Sägemehl.“ Und um die Kompostierbarkeit ihres Flüssigholzes belegen zu können, wird es für vier Jahre in einer Spezialerde vergraben.

Zu Beginn der 2000er-Jahre sieht die Finanzsituation von Tecnaro schlecht aus. Zwar schenkt Artur Fischer, Erfinder des legendären Fischer-Dübels, den Nachwuchsmanagern eine Spritzgussmaschine – mit ihr können sie die Werkstoffe selbst testen. Doch eine vom Kunden nicht bezahlte Bestellung, es geht um 35000 Euro, treibt die junge Firma fast in den Ruin. „Als Unternehmer hatten wir mehrfach recht heftigen Bodenkontakt. Das stärkt letztlich“, sagt Nägele.

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Porsche bringt den Durchbruch

Tecnaro kämpft und findet in der Kunststoffindustrie schließlich Entscheider, die an den Biokunststoff glauben. Der Durchbruch kommt 2005, als SGL Carbon und Porsche Material für die Gussform einer Hightech-Bremsscheibe ordern. Es folgen Großaufträge, etwa für Kleiderbügel, aber auch skurrile Anfragen, in denen es um Särge für Kleintiere oder Schuhsohlen für Gucci geht.

Viel Geld zu verdienen sei nie seine Motivation gewesen, sagt Jürgen Pfitzer: „Wir wollen Geld verdienen, um unsere Ideen umsetzen zu können.“ Davon haben er und seine Partner noch viele. „Perspektivisch“, so Helmut Nägele, „kann man 60 bis 70 Prozent aller Kunststoffe, die auf Erdöl basieren, durch Bioplastik aus nachwachsenden Rohstoffen ersetzen.“ Damit wäre viel erreicht. Und jeder kann sehen: Veränderungen sind möglich, wenn man daran glaubt und etwas riskiert.


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